2018 07 31 bundesfeier muttenz

 

Tragen wir Sorge zur direkten Demokratie – für Freiheit, Sicherheit und Frieden!

 

Der 1. August ist für mich ein besonderes Datum, nicht nur des Nationalfeiertags wegen. Meine Frau Edith und ich haben am 1. August 1987 in der Kirche Ormalingen geheiratet, am 31. Juli zivil. Diese beiden Daten sind für uns also im doppelten Sinne etwas Besonderes, familiär und staatlich: Sie stehen für Verbundenheit, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit.

 

Jedes Jahr treffen sich überall in der Schweiz grosse und kleine Festgemeinden, traditionellerweise, weil es so überliefert und Brauch ist und doch: freiwillig, ohne Zwang. Dass die meisten von uns am 1. August frei haben, verdanken wir unserer direkten Demokratie, nämlich einer Abstimmung aus dem Jahr 1993. Damals haben sich über 80 Prozent der Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger für einen arbeitsfreien Nationalfeiertag ausgesprochen.

 

Wussten Sie, dass am 1. August um exakt 20.00 Uhr in der gesamten Schweiz die Kirchenglocken während einer ganzen Viertelstunde läuten? Bis ins 20. Jahrhundert bestand die 1.-August-Feier ausschliesslich aus dem Läuten der Kirchenglocken. Es gab keine Reden, Musik oder Feste. Und ohne den ganzen Feuerwerkslärm konnte man damals die Kirchenglocken auch tatsächlich noch weit hören (dieses Jahr aufgrund des Feuerwerks-Verbots übrigens ebenfalls).

 

Schweizerin oder Schweizer zu sein und dies gemeinsam zu feiern, ist ein Teil unserer Identität. Bewusst oder unbewusst beschäftigen wir uns anlässlich der Bundesfeier mit Fragen, die mit unszu tun haben, die uns wichtig sind: Wer sind wir? Ganz persönlich und als Gemeinschaft? Was verbindet uns? Als Familie, als Freude, als Fans, als Verein, als Einwohner unserer Gemeinde, als Baselbieterinnen, als Schweizer, als Europäerinnen? Wann gehören wir dazu? Wie reagieren wir, wenn jemand nicht dazugehört, weil er oder sie nicht dazu gehören kann oder nicht dazugehören will? 

 

Warum nehmen an den Bundesfeiern in unseren Gemeineden so viele teil? Und warum sind noch viel mehr nicht dabei? Wir dürfen an solchen Festen teilnehmen, wir müssen nicht! Und schon sind wir mitten im Thema Freiheit: Freiheit beinhaltet ganz wesentlich auch, etwas nicht zu müssen, wegbleiben zu dürfen, das Recht auf das Mitmachen zu verzichten. Das ist nicht überall selbstverständlich, nicht alle Staaten und Gemeinschaften geben ihren Angehörigen die Freiheit, auf die Teilnahme an Anlässen ohne Weiteres zu verzichten. Zwang und Überwachung des Einzelnen sind Zeichen totalitärer Systeme, die das kollektive Recht dem individuellen Recht überordnen, wo der oder die Einzelne nichts, der Staat, die Partei, die Religion aber alles ist.

 

Wir haben es im 20. Jahrhundert gesehen und wir sehen es, wenn wir nur hinschauen, auch heutzutage überall auf der Welt: Die Freiheit, nach eigenem Entscheid mitzumachen oder fern zu bleiben, ist bedroht. Unsere Staatsform der direkten Demokratie ist die Staatsform, welche die Freiheit am besten schützt. Die Mehrheit bestimmt hier in der Schweiz, und zwar die Mehrheit aller, die dazu gehören, nicht die Mehrheit einer bestimmten Oberschicht aus Politik, Wirtschaft oder Religion. Die Mehrheit in der direkten Demokratie entscheidet langfristig so, dass es auch den Einzelnen dient, weil jede Stimmbürgerin, jeder Stimmbürger vom demokratischen Entscheid mehr oder weniger direkt selbst betroffen ist.

 

Wer unser System nicht kennt und es aus dem Ausland beobachtet, wundert sich immer wieder, dass dabei trotzdem nicht egoistische, materialistische Entscheide herauskommen, die z.B. zu mehr Ferien, weniger Steuern oder staatlich garantierten Löhnen führen. Die direktdemokratische Mehrheit entscheidet bei Volksabstimmungen gleichzeitig im Interesse der ganzen Gemeinschaft und im Interesse ihrer einzelnen Angehörigen.

 

Und sie entscheidet auch so, dass wir sicher leben können, denn Freiheit und Sicherheit gehören im demokratischen Rechtsstaat untrennbar zusammen. Freiheit und Sicherheit bilden die Grundlage des Friedens, den wir hier in der Schweiz schon derart lange geniessen dürfen, dass er uns meistens als selbstverständlich und ewig gesichert erscheint. Freiheit und Demokratie bringen Menschenrechte und Frieden. Zwang und Diktatur bringen Barbarei und Krieg.

 

Wir waren dieses Jahr in den Sommerferien mit dem Velo u.a. im deutschen Bundesland Sachsen. Die Landschaft, die Orts- und Familiennamen, die Freundlichkeit vieler Einheimischer haben uns in manchem an die Schweiz, ans Baselbiet erinnert. Da gibt es vieles, das uns „angeheimelt“ hat, trotz einer Distanz von rund 800 km.

 

Als wir zum ersten mal von Bayern, aus Oberfranken um genau zu sein, ins Sächsische, ins Vogtland, kamen, überquerten wir den ehemaligen „Eisernen Vorhang“, der bis im November 1989 Deutschland und ganz Europa in Ost und West teilte. Das ist ein breiter, eckig verlaufender Streifen, heute meist Naturschutzgebiet, wo bis vor 29 Jahren noch hohe Zäune, Wachttürme und Grenzsoldaten mit Gewalt die so genannte „Republikflucht“ aus der DDR, verhinderten. Die Menschen hatten in Sachsen damals nicht wie heute die Freiheit, auszureisen. Sie mussten zwangsweise am System teilnehmen.

 

In Dresden sahen wir einmalige Kulturzeugnisse: den Zwinger, die kurfürstliche Residenz, die Frauenkirche. Uns fielen aber auch nach wie vor grosse Baulücken in der schönen Innenstadt auf. Britisch-amerikanische Bomberverbände zerstörten im Februar 1945 die Altstadt  fast vollständig, etwas das für uns hier unvorstellbar ist. Bedrückende Bilder auf Fotos, die Sie vielleicht auch kennen. Auch nach 73 Jahren sind die Wunden im Stadtbild nicht verheilt. Wir sahen Mahnmale, die auf den nationalsozialistischen Terror gegen Juden und Andersdenkende hinweisen, auf das Unrechtsregime, das den 2. Weltkrieg auslöste und das die Sicherheit und die Freiheit für lange Zeit vernichtete.

 

So viel Gemeinsames und Schönes und so viel Fremdes und Schreckliches am gleichen Ort...

 

Freiheit und Zwang, Kultur und Barbarei, Frieden und Krieg scheinen weit voneinander entfernt zu sein, und doch können sie einander immer wieder erschreckend nahe kommen. Ich meine, für uns hier in der Schweiz, im Baselbiet, in unserer Gemeinde bedeutet das vor allem, dass wir unser Gespür für Unrecht wieder wecken sollten. Seien wir wachsam, wenn wir erkennen, dass die Freiheit, gerade auch die Freiheit zum Nicht-Mitmachen bedroht ist, im Kleinen wie im Grossen. Trauen wir uns, einzuschreiten und Nein zu sagen, wenn wir auf Zwang und Intoleranz stossen.

 

Wir alle – egal woher wir kommen – haben Brauchtum und Tradition quasi in unserem Erbgut. Das ist wichtig. Es gibt uns ein Fundament für das, was wir sind oder für das, was wir werden möchten. Heimat und Brauchtum bedeuten auch Halt und Sicherheit wenn es einmal nicht so läuft wie es sollte, sie ordnen unsere Alltagsprobleme in den Lauf der Zeit ein. Ein demütiges und dankbares Heimatgefühl, die Liebe zum Land und seinen Leuten gibt uns auch Bodenhaftung, damit wir nicht abheben, wenn es uns gerade einmal sehr gut läuft. Verbundenheit, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit bedeuten Heimat. Sie bewirken dass wir gerne dabei sind und mit Freude mitwirken.

 

Überlegen wir uns immer wieder, was wirklich wesentlich ist für uns und für unsere Gemeinschaft, reden wir miteinander darüber! Feiern wir gemeinsam, freudig und dankbar, als Zeichen, dass wir uns für das Wesentliche einsetzen wollen, heute und in Zukunft!

 

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