Predigt in der Ökumenischen Kirche Flüh 

(s. auch Bericht der bz Basel)

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Sonntag, 19. Januar 2020, Regierungsrat Thomas Weber 

Lesung: Hochzeit zu Kana, Joh 2,1–12

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Über Einheit und Freiheit

 

Liebe Gemeinde

Die Hochzeitsgesellschaft zu Kana feiert gemeinsam. Um ein Haar wäre die Stimmung gekippt, das Fest misslungen, denn der Wein, den sie gemeinsam genossen, ging aus. Man kann sich vorstellen, welche Schmach für das Brautpaar es gewesen wäre, wenn mitten im fröhlichen Treiben tatsächlich nur noch Wasser ausgeschenkt worden wäre: Die festliche Eintracht der Feiernden und des Brautpaars wäre bald in Missmut und Streit umgeschlagen.

Die Einheit der Hochzeitsgesellschaft, ihre Verbundenheit mit dem Brautpaar, ihre Zusammengehörigkeit als Menschen unter Menschen ist in diesem Gleichnis ganz zentral. Es bedurfte in Kana eines übernatürlichen Eingreifens, damit die Einheit Bestand hatte, allein hätten die Gastgeber und die Eingeladenen es nicht geschafft.

Was liegt näher, als in einer ökumenischen Kirche – in der ökumenischen Kirche – über das Thema der Einheit zu reden? Dabei denke ich in erster Linie natürlich an die Einheit der Christenheit – ut unum sint; mögen sie alle eins sein! – und daneben an das Verhältnis von Staat und Religion, von Zwang und Freiheit auch. 
«Was ist Einheit – quid est unitas?», bin ich versucht zu fragen.

 

In Joh 17, 21–23, betet Jesus:

…21 dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.  22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind,  23 ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.

(in der Fassung der Lutherbibel von 2017).

 

Unsere Bundesverfassung vom 18. April 1999 wiederum beginnt mit der Präambel:

Im Namen Gottes des Allmächtigen!

Das Schweizervolk und die Kantone,

in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,

im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,

im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,

im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,

gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,

geben sich folgende Verfassung: ...

 

Vor erst rund 20 Jahren wurde dies so formuliert. Das Grundgesetz der Schweizerischen Eidgenossenschaft steht im Namen Gottes des Allmächtigen.

Wir finden sowohl im hohepriesterlichen Gebet Jesu als auch in der Bundesverfassung den wichtigen Begriff der Einheit.

 

Eins sein, was heisst das, wie geht das?

Und was ist Einheit in der Vielfalt?

 

Es gab und gibt totalitäre Staaten, welche die Einheit durch Gleichschaltung anstreben. Es gilt dort, was die Partei mit so genannt wissenschaftlicher Führung oder was die religiösen Führer mit heiligem Eifer vorgeben. Genehm und sozial anerkannt ist genau diese eine Meinung von oben, die in staatlichen Institutionen und Medien verbreitet und notfalls gewaltsam durchgesetzt wird. Für die Staatsführung mag dies bis zu einem gewissen Grade effizient und effektiv sein – menschlich und von Nächstenliebe geprägt ist ein solches Einheitsverständnis nicht.

Und dann gibt es permissive Gesellschaften, die scheinen die Einheit durch Gleichgültigkeit erreichen zu wollen. Ich hoffe, dies treffe auf unseren Staat nicht zu, ganz ausschliessen kann ich es leider nicht. Ist es wirklich menschlich und politisch korrekt, alles zu tolerieren, auch die politisch-religiöse Intoleranz, und zu meinen, wir würden das schon schaffen? Die Augen schliessen und ohne Kompass irgendwohin treiben? Nebeneinander statt miteinander leben und eigene Werte aus den Augen verlieren? Nein, denn auch diesem Einheitsverständnis fehlt die Nächstenliebe.

Im totalitären Staat zählt das Kollektiv alles und das Individuum nichts. Die permissive Gesellschaft wiederum stellt das Individuum so sehr über die Gemeinschaft, dass dieses in Gefahr gerät, allein und beziehungslos durchs Leben zu treiben, Halt und Orientierung zu verlieren.

 

Wo liegt nun, sollten wir uns als Christen und als politisch Verantwortliche fragen, der richtige, der menschliche Pfad zwischen diesen Extremen?

Kürzlich habe ich auf Facebook das Schwarzweissfoto eines kleinen Mädchens gesehen, das mit grossen Augen in die Kamera blickt. Es trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift:

Geburtsort: Erde    – Rasse: Mensch    – Politik: Freiheit    – Religion: Liebe

Einfach – ok, vielleicht zu einfach – einleuchtend und gleichzeitig sehr tiefgründig anspruchsvoll dieses 
Geburtsort: Erde    – Rasse: Mensch    – Politik: Freiheit    – Religion: Liebe!

Wir sind zur Freiheit geboren, als Menschen auf unserer einen und einzigartigen Erde. Höchstes Bestreben jeder Politik muss sein, den Menschen ein möglichst grosses Mass an Freiheit zu verschaffen. Dies kann nicht die Freiheit sein, alles zu tun, was einem gerade beliebt. Erst wenn wir die individuelle und kollektive Freiheit der Anderen respektieren, ermöglichen wir eine Vielfalt an Lebensentwürfen und an regionalen Entwicklungen, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen.

Eine freiheitliche politische Ordnung soll sich dadurch auszeichen, dass der Staat uns nicht zwingt, Dinge zu tun, die wir nicht wollen resp. deren grundsätzlichen Nutzen wir nicht einsehen. Gut, so betrachtet ist das Steuern Zahlen nicht gerade das, wonach uns als Erstes gelüstet, wenn wir morgens aufstehen. Dennoch tun wir es, weil wir nach wie vor die Gewissheit haben, dass der Staat unser Geld im Grossen und Ganzen doch sinnvoll einsetzt und die Abgabe letztlich auch uns selbst zu Gute kommt. Wir bestimmen darüber sogar mit: Wir haben das Recht – ja, auch die demokratische Pflicht – an der Urne und durch aktives politisches Engagement mitzuentscheiden, was der Staat mit unserem Steuergeld tun soll.

 

Wir müssen unsere staatsbürgerliche Freiheit gebrauchen, um wirklich frei zu sein, und uns dabei immer wieder bewusst sei, dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen. 
Die Verfassung spricht hier übrigens von den Schwachen, und nicht etwa von den Lauten, von den Empörten oder von den Frechen.

Wie entwickeln wir ein Sensorium für die die Schwachen, deren Wohl wir mehren sollen? Ich glaube, hier finden wir im Evangelium Jesu Christi die wichtigste Hilfe. Er fragte nicht nach Rang und Namen, sprach mit allen, auch am Rande der Gesellschaft. Wir sind erst durch die anderen und durch die Liebe wir selbst. Die Liebe Gottes, die Liebe, die wir von anderen empfangen und die Liebe, die wir anderen geben, macht uns zu uns selbst. Wenn unsere Einstellung, unsere Beziehung zu anderen, zu Gott und zur Schöpfung auf der Liebe beruht, werden wir innerlich frei.

Die umfassende Liebe bleibt auch bei Rückschlägen und Zurückweisungen im Grunde bestehen, selbst wenn sie in unserem Inneren von Zorn und Verbitterung fast überdeckt wird. Wir bitten Gott daher immer wieder um die liebevolle Kraft, auch unseren Gegnern zu verzeihen und wir bitten gleichzeitig, dass wir stark genug seien, dem lieblosen Unrecht, der Intoleranz und der Gewalt entschlossen entgegenzutreten.

 

Auch in Gemeinde und Staat hat meines Erachtens Einheit, gepaart mit Freiheit, ohne das grundlegende Prinzip der Liebe keinen Bestand. Es ist somit entscheidend, welches Gottesbild wir unserem politischen Handeln im Namen Gottes des Allmächtigen zu Grunde legen.

Ist die Angst vor Strafe und Verderben der Kern des Gottesbildes? Hängt das Gottesbild mit dem Ausbrechen aus dem Rad der Wiedergeburten zusammen und dem Ziel des Eingehens ins erlösende unendliche Nichts? Beinhaltet das Gottesbild die weltweite Errichtung des Hauses Gottes durch die Unterwerfung oder Vernichtung der Ungläubigen? Gibt es gar kein Gottesbild, ist das Bild das eines ganz und gar gottlosen Staates?

Oder aber ist das Gottesbild, dessen zentrales Element die Liebe ist, unser Gottesbild?

12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe. 13 Niemand hat grössere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.

Dies sagt Jesus, ebenfalls im Johannesevangelium (Joh 15, 12-13)

 

Wir sind hier in ökumenischer Eintracht versammelt in Jesu Christi Namen. Das Wissen, geliebt zu sein, egal was wir sind, was wir getan und wo wir versagt haben, ist ungemein befreiend. 

Unser Gottesbild ist geprägt von Liebe, die zur Freiheit führt. Als Kirchenleute wie auch als politisch Aktive sollten wir uns dies immer wieder in Erinnerung rufen. Wir wollen bekennen, woran wir glauben, innerlich für uns selbst im Gebet. Und wir sollen, wann immer es nötig ist, auch öffentlich bekennen, dass wir Christen sind und was das heisst.

Mein Konfirmandenspruch aus Ps. 141,8 lautet:

Auf dich, Herr, sind meine Augen gerichtet, auf dich vertraue ich!

Dieses kurze Gebet hilft mir immer wieder, auch in Situationen des politischen Lebens, die knifflig sind und danebengehen könnten. Ich darf immer auf Gott vertrauen, seiner Liebe gewiss und dabei frei sein, auch wenn meine Anstrengungen nicht zum Erfolg führen, selbst wenn ich auf der ganzen Linie versagen sollte. Ich will ihn darum auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Auf dich, Herr, sind meine Augen gerichtet, auf dich vertraue ich!

In der Politik kann ja manchmal der Eindruck entstehen, wir Politiker müssten die Welt – oder zumindest den Kanton – persönlich retten, spätestens bis zum Ende der laufenden Legislatur, denn nachher kommen die Wahlen und mit ihnen vielleicht der Absturz ins schwarze Nichts ohne öffentliche Anerkennung und ohne Apéros...

Wenn wir uns jedoch auch als politische Menschen bewusst in die – nie vollkommene – Einheit der Christenheit einordnen, in der Gewissheit, dass die frohe Botschaft zweitausend Jahre Bestand hatte und aktueller ist als je, gibt uns dies eine befreiende Gelassenheit. Wir sind nicht allein. Wir arbeiten vertrauensvoll an der Einheit mit, und andere werden einmal daran weiterarbeiten. Wir wollen eins sein!

38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Schreibt dazu Paulus an die Römer (8, 38)

 

Die Liebe Gottes verwandelt uns, führt uns zur Einheit hin.

Die Verwandlung von Wasser zu Wein an der Hochzeit zu Kana ist für mich ein Sinnbild einer inneren Veredelung von alltäglicher Ichbezogenheit hin zu umfassender Liebe. Das schaffen wir nicht allein, wir brauchen Ihn dazu! Die Hochzeitsgesellschaft ist und bleibt eins durch das Eingreifen Jesu Christi.

Bitten also auch wir als Christen und politisch Verantwortliche stets um Einheit in Freiheit und Liebe, unseren Blick vertrauensvoll auf den Herrn gerichtet, auf dass wir in seinem Namen eins seien!

 

Amen

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